Ausbeutung des Menschen durch die Wirtschaft

Bereits unter der Überschrift Soziale Marktwirtschaft - Wert der Arbeit habe ich mich mit der Frage beschäftigt, ob menschliche Arbeit gerecht entlohnt wird. Die Wirtschaft zahlt nur dort angemessene Löhne, wo sie mit ihrer Investition in Maschinen und digitaler Infrastruktur hohe Gewinne erzielen kann, weil die Produkte auf dem Markt eine hohe Nachfrage erzielen. Aber in den Dienst-leistungsbereichen mit den hohen Lohnanteilen werden gerne Dumpinglöhne gezahlt, damit die angebotene Leistung "marktfähig" ist.

Schon mit dieser Einleitung zu einer neuen Anmerkung auf meiner Homepage wird deutlich, dass die Wirtschaft sich nicht mehr dem Menschen verpflichtet fühlt, sondern ein Eigenleben entwickelt hat und dafür den Menschen als seinen Diener einspannt. Diesen Gedanken möchte ich aufgreifen und mit Beispielen unterfüttern.

Unter der Überschrift "Was sich für Mieter bei den Heizkosten ändert" berichtete am 05.11.2021 die Tagesschau, dass die Heizkostenverordnung geändert worden ist. Künftig müssen die Ableseeinrichtungen per Funk fernablesbar sein und die Mieter sollen regelmäßige Übersichten über die Entwicklung der Heizkosten erhalten. Was sich aus Sicht des Klimaschutzes positiv auswirken soll, zieht einen Rattenschwanz an Folgekosten nach sich, die letztlich wohl höher ausfallen werden als das, was durch "Erziehungsmaßnahmen" an Heizkosten eingespart werden könnte. Da hat die Lobby der Gerätehersteller erfolgreich gearbeitet und die Firmen jubeln. Vergl. einen Bericht der Welt: "Ista sieht sich gut aufgestellt".

Und dann sind da die Supermärkte mit ihrem Überangebot an Waren. Geht man durch die Gänge an den Regalen vorbei und sucht ganz normale Grund-nahrungsmittel, findet man diese kaum. Die Regale sind vollgepackt mit von der Lebensmittelindustrie entwickelten Fertigprodukten. Es ist nicht nur die Vielfalt der Hersteller, die auffällt, es ist auch die Vielfalt der Variationen. Dabei wird doch immer wieder in Verbrauchermagazinen darauf hingewiesen, dass von dem, was äußerlich auf der Verpackung versprochen wird, kaum etwas in der danach zu erwartenden Menge verarbeitet ist. Meist handelt es sich nur um Aromatisierungsvarianten des Grundproduktes.

Diese angebotene Vielfalt geht auf Kosten des Platzes. Und weil die Betreiber des Marktes nichts mehr scheuen als Lücken in den Regalen, werden diese auch laufend nachbefüllt. Dann stehen dort die Paletten mit dem Nachschub herum. Man könnte angesichts der vollen Gänge auf den Gedanken kommen, dass es dem Markt an Lagerraum mangelt und jede Neulieferung sofort über den ganzen Laden verteilt werden muss.

Schon unter der Überschrift Entscheidungen der Kartellbehörde habe ich mich mit dem Überangebot auseinandergesetzt und auf den Marmeladenversuch hingewiesen, nach dem der Verbraucher sich besser entscheiden kann, wenn das Angebot kleiner und deshalb übersichtlicher ist. Aber seit dem nicht mehr gelernte Kaufleute die großen Märkte leiten, sondern an den Hochsschulen ausgebildete Betriebswirte das Sagen haben, wird der Kunde genötigt, sich mit einem Warenangebot auseinanderzusetzen, bei dem ihm einfach schwindelig wird.

Wenn dann wenigstens die Verkaufsflächen nicht nur mit den Regalen voll gestellt wären, sondern zwischen den Regalen auch noch Platz gelassen wäre, um sich mit den Rieseneinkaufswagen ( "Einmal hin, alles drin!" ) in den Gängen auch bewegen zu können, könnte man ja noch zielgerichtet und effektiv einkaufen. Aber die Wagen sind ja deshalb so groß, damit der Kunde den Eindruck gewinnt, noch nicht genügend eingesammelt zu haben. Ob die Supermärkte damit auf Dauer erfolgreich sein werden, erscheint mir zweifelhaft.

Kommt man im Gedränge der suchend herumirrenden Kunden und deren irgendwo stehen gelassenen Einkaufswagen nicht mehr weiter, wird der Einkauf zur echten Qual. Einem seinen Kunden sich verpflichtet fühlenden Kaufmann alter Schule wäre eine solche Konsequenz äußerst peinlich gewesen. Den Betriebswirten fehlt ein entsprechendes Gen; sie kennen nur ihre computer-gestützt ermittelten Verkaufszahlen (in der Fachsprache: Warenwirtschafts-system). Und da die Zahl ihrer Konkurrenten gering ist, und wenn es denn welche am Ort gibt, diese insofern auch nicht anders ticken, wird sich an diesen kundenunfreundlichen Umständen auch wohl nichts ändern.

Kürzlich waren im Fernsehen Berichte zu sehen, wie sich das Verschwinden von Läden auf dem Lande auswirkt. Große Flächen erbringen auf dem Lande nicht mehr die zur Kostendeckung erforderlichen Umsätze. Bürger erfinden die Genossenschaften neu und schaffen es so, sich doch noch angemessen zu versorgen. Voraussetzung für ihren Erfolg ist dann allerdings, dass sich auch alle Einwohner im Einzugsbereich im Dorfladen eindecken, statt dafür in die nächste Stadt zu fahren.

Mit den vergleichbaren Problemen der Nahversorger in den Randlagen einer Stadt habe ich mich noch kürzlich am Beispiel eines Ortsteils von Langenfeld beschäftigt. Die Kunden haben es selbst in der Hand, ob sie sich noch als "König" fühlen können, dessen Wohl der ordentliche Kaufmann sich zum Ziel gesetzt hat, oder ob sie sich als Ausbeutungsobjekt einer auf Gewinn-maximierung ausgerichteten Verkaufsmaschine behandeln lassen. Diesen Artikel habe ich jedenfalls auch deshalb verfasst, weil ich mich bei unseren letzten Einkäufen in den Supermärkten vor Ort ziemlich missbraucht gefühlt habe.

10.11.2021


Bitte lesen Sie auch meine frühere Anmerkung:
Tricks des Handels - Wie die Konsumenten beeinflusst werden


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