Flüchtlingskrise

Einmal anders betrachtet

Nachdem ich mich bisher mit diesem Thema lediglich innerhalb meines Vortrags über die Umweltenzyklika von Papst Franziskus auseinandergesetzt habe, halte ich nunmehr die Zeit für gekommen, mich noch deutlicher zu positionieren und auf Zusammenhänge hinzuweisen, die in der journalen Betrachtung untergehen. Deshalb habe ich den nachstehenden Leserbrief an die Rheinische Post versandt und bin gespannt, ob dieser ungekürzt veröffentlicht wird.

Leserbrief zum Thema Flüchtlinge:

Das Thema Flüchtlinge beherrscht die Medien und schürt Ängste. Ich halte die Diskussion schon allein deshalb nicht für ehrlich, weil sie letztlich getragen ist von der Sorge um unseren hohen Lebensstandard.

Schon Papst Franziskus hat im vorigen Jahr in seiner Umweltenzyklika, von der heute kaum noch jemand spricht, hervorgehoben, dass es nicht damit getan sei, den Armen mit Geldspenden zu helfen, um den Dringlichkeiten abzuhelfen. Vielmehr müsse es „das große Ziel (...) sein, ihnen mittels Arbeit ein würdiges Leben zu ermöglichen.“ Dieser Satz gilt im Inland, um auch geringer Qualifizierten einen angemessenen Lebensunterhalt zu sichern, und sollte Vorlage sein, dass auch die globale Wirtschaft mehr soziale Verantwortung an den Tag legt.

Und was macht unsere global ausgerichtete Lebensmittelindustrie? Sie exportiert die auf unsere modernen Haushalte ausgerichteten Produkte in Länder, deren Infrastruktur mangels Kühlketten und sauberem Wasser nicht geeignet ist, damit sachgerecht umzugehen. Hauptsache der Profit stimmt.

Dabei zerstören diese Exporte zugleich die gewachsenen Strukturen der Selbstversorgung, statt zu helfen, diese weiterzuentwickeln, um sich besser zu versorgen und Produkte für den Export zu entwickeln. Die Industriestaaten beuten lieber die Rohstoffe der Entwicklungsländer aus und nutzen die billigen Arbeitskräfte Ostasiens wie Sklaven, damit wir „preiswert“ hinter der neuesten Mode her hecheln können.

Es ist die monetäre Betrachtung der Welt, die im Vordergrund steht und den Blick auf die globalen Bedürfnisse der Menschheit verstellt. Alle jene, die Angst vor den „Wirtschaftsflüchtlingen“ haben, müssen sich einmal fragen lassen, wie sie durch ihr Verhalten dazu beitragen, dass es Menschen gibt, die ihre Heimat verlassen, um endlich auch menschenwürdig leben zu können.

Und was die Flüchtlinge aus Syrien betrifft, so ist allen Ländern voran England zu kritisieren. Schließlich waren es Großbritannien und Frankreich, die mit dem Sykes-Picot-Abkommen ihre Interessen im Vorderen Orient aufgeteilt haben, ohne auf die ethnischen Gruppierungen Rücksicht zu nehmen. Aber England erklärt den Brexit und versteckt sich hinter dem Kanal, damit ja keine Flüchtlinge auf die Insel kommen.

Europa ist dabei, nach 70 Jahren Frieden wieder im Sumpf der Kleinstaaterei zu versinken, weil monetäre Einzelinteressen Vorrang haben vor der gerechten Verteilung der wirtschaftlichen Chancen durch einen globalen Ausgleich.

Noch einmal Papst Franziskus: „(...) angesichts des unersättlichen und unverantwortlichen Wachstums, das jahrzehntelang stattgefunden hat, (muss man) auch daran denken, die Gangart ein wenig zu verlangsamen, (…). Darum ist die Stunde gekommen, in einigen Teilen der Welt eine gewisse Rezession zu akzeptieren und Hilfen zu geben, damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann." (siehe Tz. 193)

Diese Botschaft einer von mir hoch geschätzten moralischen Instanz wird von der allein dem „Tanz um das Goldene Kalb“ verpflichteten Wirtschaftspolitik völlig ignoriert. Nach meiner Kenntnis ist es bisher allein Altbundespräsident Horst Köhler, der diesen Zusammenhängen Geltung verschaffen wollte, und sich für eine wirtschaftliche Entwicklung Afrikas eingesetzt hat und noch immer einsetzt.

16.09.2016

Wegen des monetären Blicks auf die Welt lesen bitte auch meine Anmerkungen zur Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB)

Nachtrag vom 12.10.2016:
Es gibt zum Glück auch Engländer, die sich für ihr Land schämen:
"Ich entschuldige mich im Namen meines Landes"

Einen zusammenfassenden Hinweis zu meinem Verständnis von nationaler und globaler Verantwortung finden Sie auf der
Indexseite zur Sozialpolitik


19.09.2016 - Hart aber fair:
"Zäune statt Hilfe – sind wir selbst schuld an der nächsten Flüchtlingswelle?"

Endlich eine lebhafte Diskussion über die Ursachen der Flüchtlingskrise!


21.09.2016 - Spiegel online:
"Hart aber fair" zu Flüchtlingen aus Afrika - Grotesk ungerecht

Ein Rückblick auf die lebhafte Diskussion, der mit folgender treffenden Feststellung endet:

"Laghai informierte den Diplomaten über die Tatsache, dass unser 'gutes Leben' in direktem Verhältnis zu deren schlechtem Leben steht. Und Subotic ergänzte, wir würden - Zaun hin, Zaun her - unseren Lebensstandard früher oder später anpassen müssen. Darauf Györkös, entwaffnet: 'Und wie wollen Sie das den Wählern erklären?' Und das ist das Problem."

Deshalb habe ich meinen Leserbrief inzwischen an einige Politiker versandt und mich beim Sekretariat der Bischofskonferenz für die gestern im ZDF gesendete Brandrede von Kardinal Marx bedankt. Von dort ist mir der Wunsch übermittelt worden, dass mein Leserbrief "hoffentlich bald gedruckt" gedruckt werde.

Von dem Bundesvorsitzenden des Kolpingwerkes, Thomas Dörflinger, der sich in den letzten Tagen selbst ein Bild vor Ort in Ruanda gemacht hat, habe ich den Hinweis erhalten, dass auch Altbundespräsident Horst Köhler aktuell im EU-Ausschuss zu Afrika vortragen werde.

Da müsste es doch endlich möglich sein, einen Sinneswandel auf die Beine zu stellen.


25.09.2016 - ZDF-Interview mit Alt-Bundespräsident Horst Köhler

Zitat aus dem Interview:
"Wir haben keinen Ansatz, die Grundursachen des Migrationsdrucks auf junge Männer zu reduzieren, ihr Land zu verlassen. Es dominiert das kurzfristige Agieren. Wenn die Flüchtlingszahlen steigen, dann kommt sofort Aufregung bis zur Hysterie in die Landschaft."


"Jeder von uns hält 60 Sklaven"

So ist ein Interview überschrieben, das schon vom Februar 2016 datiert, das ich aber erst kürzlich gefunden habe. Ich halte es für angebracht, dieses Interview jetzt hier zu verlinken: "Jeder von uns hält 60 Sklaven"

Darin erklärt die BWL-Professorin für "Supply Chain Management" an der Uni Erlangen-Nürnberg, Evi Hartmann, wie unser ganz normaler Konsum weltweit immer mehr Menschen in unwürdigen Arbeitsverhältnissen ausbeutet. In einem Leserbeitrag dazu wird treffend die Einsicht gefordert, "dass zu unserem schönen Leben im Westen auch Kolonialismus, Kriege, moderne Ausbeutung und Ressourcenverschwendung beigetragen haben. Dass wir also zu einem Teil jene Flüchtlinge und Terroristen mit erschaffen haben, die uns im Westen so irritieren."

Ich freue mich, dass diese Sicht auf das Flüchtlingsproblem endlich anzukommen scheint. Dass es aber schwer fällt, diese Sicht auch offensiv zu fördern, zeigt der Umstand, dass mein Leserbrief an die Rheinische Post noch immer nicht veröffentlicht worden ist!

26.09.2016


08.10.2016 - Rheinische Post:
Horst Köhler im Interview: "Afrika ist eine historische Aufgabe"

Zitate aus dem Interview:
"Der Westen hat sich zu lange daran gewöhnt, billig Rohstoffe aus Afrika zu importieren anstatt die Wertschöpfung vor Ort mitzugestalten. (...)
Der Westen nimmt Afrika oft nur als Verlängerung seiner eigenen kurzfristigen Interessen wahr. Der Aufstieg Afrikas gelingt aber nur, wenn die Heucheleien von beiden Seiten aufhören und man ehrlich zum gegenseitigen Nutzen zusammenarbeitet. Joint Ventures, gemeinsame Projekte, eine langfristige Investitionsoffensive werden gebraucht."

Klare Worte! Und im Radio höre ich gerade einen Bericht über die Reise der Bundeskanzlerin nach Afrika mit dem Zitat: "Wir haben durch den Kolonialismus Grenzen auf dem Kontinent gezogen, die sich nach den Rohstoffvorkommen richten."

Das Thema ist angekommen. Schade nur, dass die Rheinische Post meinen inzwischen drei Wochen alten Leserbrief noch immer nicht veröffentlicht hat.


15.10.2016 - Rheinische Post:
Kolumne: "Weniger Überfluss bedeutet mehr für alle"

Zitat:
"Einfach unsere Überschüsse nach Afrika zu transportieren, ist keine Lösung, denn das Gewerbe vor Ort würde dadurch ruiniert. Aber womit wir anfangen und was wir leicht ändern könnten, ist unser Produktions- und Kaufverhalten. Wir setzen auf Billig- und Überschussproduktion und beuten dafür Ackerflächen und Meere aus - übrigens auch die Meere vor den afrikanischen Küsten. Gegen die großen Trawler haben die einheimischen Fischer keine Chance."

Wie oft muss das noch wiederholt werden, bis sich wirklich etwas in unserem globalen Dorf ändert?


21.10.2016 - Süddeutsche Zeitung:
"Wer für unseren Konsum zahlt"

Zitat aus dem Interview:
"Wenn man etwas ändern wollte, müsste man durch politisches Handeln Strukturen verändern, beispielsweise das Welthandels-regime oder das Weltklimaregime. Und zwar: zu Lasten der hoch entwickelten Gesellschaften und zugunsten der Gesellschaften, auf deren Kosten wir bislang leben."
"Flucht und Migration werden uns weiter beschäftigen. Da wir Probleme produzieren, die auf uns zurückschlagen, wäre es im Sinne der Vernunft und der vorausschauenden Einsicht, vom globalen Norden aus umzusteuern. Das wäre im wohlverstandenen langfristigen Eigeninteresse."

Das liegt auch wieder ganz auf der von mir auf dieser Seite unterstützten Linie!


17.01.2017 - Rheinische Post:
"Afrika hat ein Hühner-Problem"

Zitat aus dem Bericht:
"Die Mäster in der EU, Brasilien und den USA sind schon mit einem Preis zufrieden, der ihnen die Entsorgungskosten für ihre Überschüsse spart. Ihre Märkte erster Wahl verlangen vor allem nach Brustfleisch und vielleicht noch nach den Schenkeln. Aber wohin mit dem Rest?"

Wird das als gerecht empfunden? Das nach den Qualitätsansprüchen der "ersten" Welt minderwertige Fleisch wird als Billigprodukt auf den afrikanischen Markt gespült und vernichtet dort gewachsene Strukturen.

Aber gut, dass darüber endlich mal wieder berichtet wird.


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